Der Bundesfreiwilligendienst (2017 – 2019)

An meinem ersten Arbeitstag wurde ich der Frau zugeteilt, bei der ich auch mein Probetag hatte, sie stellte mir jeden Bewohner vor und ich dachte, die ganzen Namen werde ich mir nie merken können.

Die Frau sagte es sei wichtig, von jedem Bewohner die Interessen zu kennen, damit man für sie die passenden Angebote anbieten kann. Sie erklärte mir, dass es Einzelangebote und Gruppenangebote gibt. Einzelangebote sind Gesellschaftsspiele, Gedächtnistraining, malen, basteln, rechnen, puzzeln, Geschichten vorlesen und Gespräche führen aber aus den Einzelangeboten kann man auch Gruppenangebote machen zum Beispiel: Gedächtnistraining, Geschichten vorlesen, Gesellschaftsspiele, Sitztanz, Sport, basteln, Kegeln, kochen und backen. Ich dachte, das sei ein vielfältiges Angebot. Ich wurde auf der Gerontopsychiatrie (Demenzstation) eingesetzt, ich hatte keinerlei Vorbehalte oder Berührungsängste im Umgang mit den Bewohnern. Da meine Uroma die Erkrankung Chorea Huntington hatte und ich dort schon in im frühen Kindesalter sah, wie es ist, wenn ein Mensch nach und nach seine Fähigkeiten und seine Persönlichkeit verliert.

Die ersten Wochen vergingen, ich war zum Beobachten und Lernen bei den Betreuungskräften mit, etwas später durfte ich alleine die Einzelangebote machen und schon nach weiteren zwei Wochen fragte ich, ob ich alleine die Gruppenangebote durchführen könne. Ich traute mir mit der Zeit immer und immer mehr zu. Um mich noch mehr einbringen zu können, ging ich zu meiner Chefin und fragte, ob ich die Senioren beim Essen unterstützen dürfte. (Damit meinte ich, sie zum Essen und Trinken zu animieren, also zum Beispiel das Brot, Toast, Brötchen, Fleisch, Fisch usw. klein schneiden und es dann auf die Gabel oder Löffel legen und ich ihnen dann das Besteck in die Hand gebe und sie es selbständig zum Mund führen lassen. Beim Trinken gab ich den Senioren das Glas oder den Becher in die Hand, einige Bewohner müssen auch daran erinnert werden, das Besteck zum Mund zu führen und dann zu kauen und zu schlucken). Sie sagte: „Wenn sie sich das zu trauen, dann können sie es gerne bei den Bewohnern ohne Schluckprobleme tun“. So konnte ich meinen Kollegen etwas helfen, bei uns brauchten viele Bewohner Unterstützung beim Essen und zwei Hände mehr haben wirklich nicht geschadet.

Nach meinem ersten Monat bekam ich zum allerersten Mal in meinen Leben Gehalt, offiziell ist es Taschengeld und Verpflegungsgeld. Da ich in Teilzeit arbeitete, bekam ich die Hälfte vom eigentlichen Gehalt, also statt 410,00 € bekam ich 205,00 € es war nicht viel, aber für mich war es im Vergleich zum Taschengeld eine große Steigerung. Vom ersten Gehalt lud ich meine Eltern und meine Schwester zum Essen ein. Und zum Geburtstag konnte ich meiner Familie und Lisa endlich die Geschenke machen, die sie verdienten, das war ein tolles Gefühl! Für mich kaufte ich eine wunderschöne Uhr von „Skagen“ und notwendige Kleidung. Den Großteil meiner Gehälter sparte ich für die Anschaffung eines komplett eingerichteten Schlafzimmers.

Bei der Arbeit verstand ich mich mit den Bewohnern immer besser, obwohl es manchmal nicht ganz leicht war, ab und zu konnte ich mir ganz schön was anhören.

Besonders am Anfang, weil ich fremd für sie war und auch nicht wusste, wie sie zum Beispiel auf bestimmte Fragen reagieren. Am Anfang konnte ich mir oft nicht so freundliche Sachen anhören zum Beispiel: „Ich kann sie nicht leiden, sie sind doof, ich kann sie nicht leiden und gehen sie sterben, oder dass ich eine Macke habe“. Manchmal wurde ich ohne Grund angemeckert und ganz selten bekam ich auch mal Schläge auf dem Arm oder wurde mit Essen angespuckt. Nach fünf Minuten hatten die Bewohner das Gesagte vergessen und waren total nett. Ich wusste natürlich, dass sie es alles nicht so meinten und es ein Teil dieser schrecklichen Erkrankung ist, ich habe es ihnen nie übelgenommen, weil ich finde, so professionell muss man schon sein um zwischen der Krankheit und der eigentlichen Person unterscheiden zu können. Heute sehe ich es schon an ihrem Gesichtsausdruck, wann ich Fragen stellen kann und wann lieber nicht. Ich habe jeden lieb gewonnen mit seinen Eigenheiten sie sind für mich wie Familienmitglieder.

Meine Angst am Anfang, dass ich mir die Namen nicht merken könnte und das was sie mögen und was nicht, waren vollkommen verflogen. Ich weiß nicht nur die Namen und was sie mögen und was nicht, sondern auch ihre Lieblingsgetränke, Lieblingsfarbe, Familienstände und ihre früheren Berufe. Mein Ansatz war nämlich der, dass sie sich von mir nicht nur gut betreut fühlen, sondern auch wohl, eigenständig und unbeschwert. Dann erfand ich noch ein Ballspiel: man sitzt mit zehn oder mehr Personen an einem langen Tisch, dann rollen wir den Ball von Person zu Person immer hin und her und immer in einer anderen Reihenfolge ohne, dass der Ball vom Tisch fallen darf. Erst schafften wir nicht sehr viele Ballwechsel, aber jetzt haben wir einen Rekord von 344 Ballwechseln, ohne, dass dieser runtergefallen ist. Dieses Spiel stärkte nicht nur die geistigen und die motorischen Fähigkeiten, sondern es entstand auch eine Verbindung unter den Bewohnern.